Sonntagszeitung

Es ist in Wien eine gute alte Sitte, sich am Sonntag die Zeitung als Dauerleseleihgabe zu besorgen. Die Zeitungsverlage spielen ja auch mit, denn es werden keine Kosten und Mühen gescheut, die geliebte Sonntagszeitung "barrierefrei" zur Verfügung zu stellen. Keine Absperrungen, Sicherheitskontrollen, lästige Verkäufer/innen oder Automatenschranken sind zu überwinden. An jeder Kreuzung, an jeder Ampel, an etlichen Verkehrsschildern hängen die Taschen mit einem Paket an Zeitungen, das darauf wartet von den Anrainer/innen mitgenommen zu werden. Die paar Cent Finderlohn, die von einigen in diese Minisparbüchsen hinein geworfen werden sollen, sind nichts anderes als Gewissensberuhigung.

Seit neuestem werden diese Zeitungsaushangtaschen mit (Werbe)botschaften aller Art versehen. Vor der Wahl lächelte SPÖ-Chef Werner Faymann von sämtlichen Krone-Zeitungsaushangtaschen - der Erfolg gab ihm offensichtlich recht.

Am Sonntag, den 9. November dokumentierte ich folgende Botschaften:

Kronenzeitung: "Landwirtschaft aus ganzem Herzen".
Eine Werbung für die "Zurück zur Natur"-Linie des Lebensmitteldiscounters "Hofer." Es wundert ja niemanden, dass neben Werner Faymann auch noch glückliche Kühe auf saftigen Wiesen zu sehen sind. Die Kronenzeitung ist nun einmal die Cash-Cow der heimatlichen Zeitungsindustrieund natürlich sehr bestrebt ihr Imperium auszubauen. Da passt die Hoferwerbung sogar gedanklich. Es entsteht die Union der Discounter. Meinungsdiscount und Lebensmitteldiscounter im sonntäglichen Gleichschritt. Wenn das keine Win-Win-Situation ist?

Österreich: "Vignette Gratis".
Der alte Schmäh aus dem Hause Fellner. Nimm dir ein Abo und du kriegst irgendein Klumpert dazu. Diese Abo-Verkaufstrategie ist zwar noch nicht so alt wie das Abonemmentsystem an sich, aber doch schon ein alter Hut. Der eigentliche Anreiz eines Abonnements ist ja an und für sich ein finanzieller. Kaufe 12, zahle 10 oder so ähnlich. Aber das reicht im hart umgekämpften österreichischen Zeiungsbusiness nicht mehr. Die Autobahnvignette für die Leser/innen von Österreich ist bereits ein Klassiker. Der Fellner-Konzern wird die Aboschraube noch mehr anziehen. Dessen bin ich mir sicher. Ich warte schon auf Abo-Kaffeefahrten in die Pampa, wo überforderte Mindestpensionist/innen in Ausflugslokale gepfercht werden und bei faserigem Schweinsschnitzel, sowie klebrigem Erdäpfelsalat so lang berieselt werden, bis sie freiwillig ein Abo nehmen. Auf Lebenszeit, das versteht sich von selbst. Beim Ableben des/der Abonent/in geht das Abo der jeweiligen Zeitung oder Zeitschrift aus dem Hause Fellner an die Erb/innen weiter. Ausstiegsklausel nicht vorhanden.

Wiener Zeitung: "Vignette im Abo. Zum Bestpreis! Gratis dazu das Winter-Genusspaket."
Wer denkt, dass die Anbiederung an die werte Leser/innenschaft nur eine Sache des Boulevards sei, irrt sich gründlich. Die dreihundert Jahre alte Wiener Zeitung setzt auf ähnliche Mittel. Dies nicht ohne Grund. Die Wiener Zeitung überlebt als Blatt der Bundesregierung durch die Zwangsbeglückungen des so genannten "Amtsblattes". Die Wiener Zeitung ist inhatlich durchaus eine Alternative zu anderen Blättern, nur mit dem Unterschied, dass sie sehr unbeliebt ist.
Der Hinweis auf die Lebkuchenleckereien und die Vignette ist vergleichsweise klein. Wichtig ist der darüber stehende Spruch "Gut zu wissen". Die Anbiederungsaktion mit Winterleckereien und Vignette wäre ja auch zu offensichtlich und zu gewollt. Fast schon peinlich. Aber was tut man/frau aus der Marketingabteilung nicht alles, um doch ein paar Leser/innen zu gewinnen.

Stichwort Qualitätszeitung: Dass Qualitätszeitungen durchaus das Spiel mit der Lasche beherrschen, sei nicht verschwiegen. Nur bevorzugen Qualitätsmedien (oder solche, die sich dafür halten) Werbung in eigener Sache.

Der Standard: "Hirnnahrung."
Man/frau beachte den Punkt hinter dem Wort "Hirnahrung". Er verleiht der Geschichte so richtig Nachdruck. Wir sind Hirnnahrung. Das lachsfarbene Blatt, das nun endgültig erwachsen wurde (20. Geburtstag) gibt sich ungewohnt plakativ. "Hirnnahrung." Fast schon peinlich. Über Umwege ließe sich Ironie erkennen, zumal die Assoziation Hirnnahrung und Fisch über den Umweg der Lachsfarbe der Zeitung durchaus möglich ist. Lebatran hieß das früher wohl. Aber eigentlich ist das schon sehr an den Haar(schupp)en herbei gezogen.

Die Presse: "Gedankenfreiheit!".
Bei der altehrwürdigen Presse - im Vergleich zum Standard ein Greis am heimischen Zeitungsmarkt - tut sich Seltsames. Michael Fleischhacker - seines Zeichen Chefredakteur der Presse - macht einen auf Nespresso-Schurli für Zeitungen und lässt sich großformatig plakatieren. Auf die Laschen picken die Pressemenschen ein lapidares "Gedankenfreiheit!" mit Rufezeichen. Also weniger Statement, sondern mehr Aufforderung. Es scheint als wolle der ehemalige Standard-Redakteur Fleischhacker mit aller Gewalt, die als ÖVP-Hauspostille verschriene Presse nach Liberalia führen. Fleischhackers Presse soll also nach dem Ableben der Liberalen (LIF) so eine Art Generalvertretung in Sachen Liberalismus sein. Ehrenhaft!

Kurier: "Best of Kabarett."
Wer als Zeitung mit "Best of Kabarett" wirbt, begibt sich in die Welt der Doppeldeutigkeit. Natürlich handelt es sich um eine Werbelinie für das heimische Kabarett und den Vertrieb von DVD's. Ein Schluss auf den Inhalt der Zeitung lässt sich trotz angeblich strikter Trennung zwischen Werbung und redaktionellen Beiträgen nicht ganz von der Hand weisen. Besonders die Bereiche Innenpolitik, Chronik und Society könnten hier gemeint sein.
Ein Blick auf die Website des "Kurier" bestätigt meine Befürchtungen. Natürlich ist auch die Autobahnvignette (allerdings nur zum halben Preis) Bestandteil der Abolinie. Im Boulevard also doch nichts Neues.

Es empfiehlt sich also durchaus, auf die Laschen der Aushängetaschen zu schauen. Sie verraten mehr über die Zeitungen als man/frau zu glauben meint.

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