Rubin Okotie, Obama und der Legionär

Nun ist es soweit. Auch das letzte ÖFB-Länderspiel der Jahres 2008 wurde wenig glorreich verloren. Das angeblich Interessante an diesem Spiel war, dass einzelne junge Spieler aus der österreichischen Bundesliga auf sich aufmerksam machen konnten, während einige hochgelobte Legionäre ihr Leistungspotenzial nicht ausschöpfen konnten.

Einen ebensolchen Totalausfall dürften einige Redakteure der hiesigen Tageszeitung "Österreich gehabt haben". In der Vorberichterstattung fand ich folgende interessante Anmerkung:

"Rubin Okotie feiert Debut.
Obama-Effekt fürs Team? Heute Ländermatch gegen die Türkei."

Unverständnis. Was hat der zukünftige u.s.-amerikanische Präsident mit unserem Nationalteam respektive dem Neo-Nationalspieler Rubin Okotie (FAK) zu schaffen? Ich zweifle nicht daran, dass Barack Obama weiß wo Österreich in etwa liegt und ich denke, dass der u.s.-amerikanische Präsident in spe sehr wohl den Unterschied zwischen Soccer und Football kennt. Und was zum Teufel ist der Obama-Effekt?

Wenn Journalisten Assoziationsketten bilden

Ein Sprung in die Assoziationskettenwelt des Boulevards tut Not um den Vergleich zwischen Barack Obama und Rubin Okotie zu erklären. Beide sind dunkelhäutig, beide haben jeweils einen afrikanischstämmigen und einen weißen Elternteil. Beide sind jeweils - so weit ich mich entsinne - die Ersten, die als Afroamerikaner respektive Afroeuropäer die etwas erreicht haben, was vorher noch nie jemand erreicht hat.

610x-KopieDabei spielte für Obama die Tatsache, dass er "afroamerikanischer Herkunft" war, selbst keine Rolle. Im Gegenteil: er versuchte während seines gesamten Wahlkampfes den Umstand so wenig wie möglich hervorzustreichen; den Ball so flach zu halten. Eine Wahlkampfhelferin beschreibt diesen Umstand wie folgt:

"Obama ist Amerika, unsere Fähigkeiten und besten Impulse in seiner Gemischtrassigkeit die Personifizierung von "E pluribus unum," Aus vielen Eines: der sprichwörtliche Schmelztiegel und nicht der gräuliche Mischmasch, der uns zu lange charakterisiert hat. Endlich. Jetzt. (...) In der ersten Zeit der Vorwahlen kam gelegentlich die Frage auf, warum Obama die Aufmerksamkeit nie auf die historische Einzigartigkeit seiner Kandidatur als erster Schwarzer mit echter Chance, Präsident zu werden, lenkte - wohingegen Hillary Clinton, die ebenso große historische Bedeutsamkeit, erste Präsidentin werden zu können, unentwegt herausposaunte. Wie stets, waren die, die das fragten, keine Schwarzen. Wie stets konnten die unter uns, die keine Weißen sind, über die Unaufrichtigkeit oder Ignoranz dieser Frage nur seufzen. Da Barack Obama nicht antritt, um Präsident der Schwarzen zu werden, sondern der der Vereinigten Staaten, und da er die große und heikle Bandbreite der Emotionen, die seine umfassende Beobachtung begleiten, sehr genau kennt, wäre es ihm nicht im Traum eingefallen, die Aufmerksamkeit auf sein Schwarzsein zu lenken. Schwarzsein macht einen hohen Prozentsatz der Weißen nervös."

Candace Allen. Lettre internationale, Herbst 2008; Seite 14 und 15.

Einige Seiten führt Alen weiter aus, warum Obama so sehr die Jugendlichen anspricht und sehr für Amerika steht.

"Angesichts der Fragmentierung der traditionellen Familie können sich viele junge Leute damit identifizieren, daß Obama bei seiner alleinerziehenden Mutter bzw. den Großeltern aufwuchs. Immer mehr Amerikaner sind gemischtrassisch. Obama exemplifiziert in seiner Person einen Abschied von alten Mustern, was bei jungen Leuten gut ankommt, selbst wenn die alten Muster nocht nicht bankrott sind." Das ist der Change der gemeint ist.

Rubin Okotie hat vielleicht die eine oder andere Gemeinsamkeit mit Barack Obama. Er wurde 1987 in Pakistan geboren, verbrachte seine ersten vier Lebensjahre in Barcelona, bevor die Familie nach Wien zog. Rubins Vater ist Nigerianer, die Mutter Österreicherin. Okotie sich als Obama-Fan geoutet hat. Aber das ist keine wirkliche Errungenschaft. Beide sind die ersten mit einem afrikanische Eltern resp. Großelternteil, die in eine bisher weiß dominierte Ordnung einbrechen.

"Change - Yes we can"


Was die Herren und Damen von Österreich - nicht das Land, sondern die Zeitung - mit diesem Vergleich vielleicht übersehen, ist die Tatsache, dass sie Rubin Rafael Okotie, damit auf ein einziges Merkmal reduzieren, das primär unwichtig ist für das Team ist: Die Hautfarbe. Wie oben weiter angeführt macht(e) Barack Obama nie einen Hehl aus seiner Herkunft, er betonte sie jedoch auch nie. Dasselbe gilt so weit ich das mitbekommen habe für Okotie. Und man/frau würde dem Spieler sicher keinen Gefallen tun, ihn aufgrund seiner Herkunft und seines Äußeren zu beurteilen.

"Change." - Wandel. Um bei Barack Obama als Vergleich zu bleiben. Er muss auch erst beweisen, dass er fähig ist, den Wandel herbeizuführen. Die Rücknahme von Bush-Verordnungen wird wohl nicht reichen. Dass er die Anlagen dazu hat, steht für mich außer Zweifel. Obama ist aus der Ferne betrachtet, wahrscheinlich einer der talentiertesten Politiker seit John F. Kennedy. Und wenn wir das nun auf Rubin Okotie umlegen... bedeutet dies, dass Rubin Okotie einer der talentiertesten Kicker sein müsste, die das Land je gesehen hat. Und das darf bezweifelt werden. Überdurchschnittlich vielleicht, Ausnahmekönner mit Sicherheit nicht. Er ist ein neues Gesicht im A-Nationalkader. Einer der seine Chance in einem Freundschaftsspiel erhielt, und sie bedingt nutzte.

Die Aussage von Österreich - nicht das Land, sondern die Zeitung - kann also als Wunsch verstanden werden. Rubin Okotie soll aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe nun zum Garanten des Wandels im ÖFB-Team werden. Eines will ich dabei jedoch nicht übersehen. Wenn Österreich - die Tageszeitung, nicht der Verband oder das Land - einen "Change", einen Wandel ausruft, muss dieser noch lange nicht passieren. Fußballösterreich weiß es besser: Im Jahre 2008 fanden angekündigte Wunder nicht statt. Weder das "Wunder von Wien" gegen die deutsche Nationalmannschaft im letzten Gruppenspiel der Europameisterschaft, noch das Wunder von St. Hanappi gegen die Überraschungsmannschaft von Famagusta.

Aber grundsätzlich hat die Idee um Rubin Okotie und den Wandel durchaus Charme. Ich denke es sind genau die "jungen Wilden" der U20-WM, die Kinder der zweiten Generation, die es vielleicht schaffen könnten, der österreichischen Nationalmannschaft nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Identität, eine Seele und schlussendlich den Erfolg zu bringen.

Wir erinnern uns: Es war die WM der U20 in Kanada als eine buntgemischte Truppe groß aufspielte und die österreichischen Herzen im Sturm eroberte. Einige von diesen jungen Spielern schafften den Sprung auf einen Stammplatz oder zu größeren und besseren Vereinen; einige verschwanden. Leider konnten die Spieler der U20 nicht wirklich den Schwung ins Nationalteam retten. Weder spielerisch, noch in Richtung Identität. Dabei könnte das Nationalteam eine entscheidende Rolle beim "Change" - sowohl sportlich als auch gesellschaftlich - spielen. Andere Teams haben das vorgemacht oder tun dies noch immer. So zum Beispiel die "Equipe tricolore" in Frankreich, die ein Integrationsfaktor darstellt. Genauso wie die "Oranjes" aus den Niederlande (wenn sie untereinander einmal nicht zerstritten sind) oder die "Nati" aus der Schweiz. Und da beginnt das Dilemma schon. Die meisten europäischen Nationalmannschaften haben einen Namen - die österreichische nicht. Der österreichische Autor Franzobel schlug einmal in einer zahlreichen Fußballkolumnen vor der Europameisterschaft vor, die Mannschaft "Roserl" zu taufen. Das hat Charme. Ein sehr wienerischer Vorschlag noch dazu. Aber die Managementabteilung des ÖFB konnte sich bisher noch nicht aufraffen eine solche Marke zu erfinden. Die Fans kamen offensichtlich auch noch nicht darauf. Das letzte Heimspiel gegen die Türken - also ein Heimspiel für die Türken, die sich ja in Wien seit der Europameisterschaft sehr wohl fühlen - zeigte, dass die Nationalmannschaft viel Kredit verspielt hat. Und dabei könnte das Team viel erreichen. Bei der Europameisterschaft hallten vornehmlich zwei Namen durch das Happel-Oval. "Umit, Ümit, Ümit" und "Ivo, ivo". Ivica Vastic, eingebürgerter Kroate und Ümit Korkmaz, aufgewachsen in den Wiener Käfigen und Sohn türkischer Einwander/innen - sie stehen für das was Österreich und vor allem Wien ist - ein Schmelztiegel.

Vorbild: Equipe tricolore aus Frankreich

Ein kurzer Artikel von orf online gibt ein schönes Beispiel wie so etwas funktionieren könnte. Anlass war die Weltmeisterschaft in Deutschland, bei der Frankreich ja schließlich ins Endspiel kam.

Equipe tricolore: Symbol der Integration
Die im WM-Finale spielende "Equipe tricolore" steht nach den Worten des Fraktionschefs von Europas Grünen, Daniel Cohn-Bendit, idealtypisch für Frankreich.

Die überwiegend aus Schwarzen und Menschen mit nordafrikanischen Wurzeln bestehende Mannschaft mache den Fans im Nachbarland eine "multikulturelle Identifikation" leicht, sagte der Europa-Parlamentarier am Freitag der Berliner "Tageszeitung". Das deutsche Team dagegen sehe "nach Jahrzehnten der Einwanderung immer noch nicht aus wie die deutsche Gesellschaft".

"In Frankreich hätten auch Menschen aus Problembezirken "jetzt drei Möglichkeiten der Identifikation: Zidane - Maghrebiner, Thuram - schwarz, Antillen, Ribery - weiß, Nordfrankreich, aus proletarischer Familie. Das ist die ideale Gesamtidentität." Er habe "in Straßburg sogar Jugendliche mit der algerischen Fahne gesehen, die die Marseillaise gesungen haben - das ist das Nonplusultra", sagte der gebürtige Franzose. Die französischen Spieler hätten auch "ein Bewusstsein, dass sie von unten, aus den Banlieues (Vorstädten) kommen, dass es ein Kampf ist, in dieser Gesellschaft anerkannt zu werden."

Die österreischische Nationalmannschaft bietet kein derartiges Angebot an. Das Bewusstsein, welche Vorbildfunktion dieses Team übernehmen könnte, scheint wenig ausgeprägt. Gerade in einem Land, in dem die Angst vor Überfremdung zum tagespolitischen Kalkül und somit gesellschaftsfähig geworden ist, könnte eine "Roserl" - um bei Franzobel zu bleiben - Einiges bewirken. Das Personal wäre da und es wäre fußballtechnisch gesehen sicherlich nicht die schlechteste Wahl: Junuzovic, Arnautovic, Gercaliu, Kavlak, Korkmaz, Okotie, aber auch Schiemer, Hoffer, Hölzl, Beichler, Drazan uam. Sie könnten den "Change" herbei führen. Wenn man/frau sie nur ließe...Okotie kann nur als ein Stellvertreter für diese Generation stehen, als ein Stellvertreter von vielen. Wie wenig durchdacht der Vergleich zwischen Obama und Okotie auch war, so sehr regt er zum Nachdenken an. Auch wenn dies sicher nicht die Intention des/der Autor/in war...

Produktiver Fehler nennt man/frau so etwas wohl noch am ehesten. Noch spannender finde ich folgendes Zitat aus der Ausgabe vom 19. November 2008, Seite 31.

Die Sache mit dem Legionär

"Gökhan Zan. Der Besiktas Legionär (24 Länderspiele) spielte in der erfolgreichen EURO-Truppe der Türkei."

Wie war das Legionär bei Besiktas und türkischer Nationalspieler. Bisher ging ich davon aus, dass der Begriff "Legionär" im sportlichen Kontext immer mit "ausländischer Spieler" gleich zu setzen war. Besiktas ist aber so weit ich mich richtig erinnere einer der Großclubs aus Istanbul.

Aber um jeden Irrtum auszuschließen, ein Blick in verschiedene Online-Wörterbücher. Folgende Definition lesen wir da: Soldat einer (römischen) Legion.

Keine weiteren Erläuterungen. Also sind diese Wörterbücher nicht sehr hilfreich. Weiter geht die Suche. Wikipedia hilft uns da schon weiter: Legionär (Sport): einen Sportler, der außerhalb seines Heimatlandes professionell tätig ist. Na also. Geht doch.

Um auf unser Beispiel zurück zu kommen: Herr Zan kann also nicht Legionär im eigenen Land sein. Aber wie sagte eins der legendäre Robert Seeger: "Das ist alles nur Manufaktur."

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